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Weiterlesen...Ein Spaziergang durch Rom fühlt sich immer an wie eine Zeitreise. Doch wie dieser besondere Ort einmal mehr beweist, verschwimmen Geschichte und Mythos umso mehr, je weiter man in die Vergangenheit zurückblickt, bis am Ende die Legenden die Oberhand gewinnen. Die Tiberinsel ist ein Ort voller Geschichte und, wie Sie gleich feststellen werden, definitiv einen Besuch wert.
Der Tiber schlängelt sich in vielen Windungen durch ganz Rom. Wenn ich durch die Stadt gehe, begleitet mich sein beständiges, beruhigendes Rauschen, und folge ich seinem Lauf über die Brücken, führt er mich zu einigen der schönsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Links des monumentalen Stadtzentrums, vor Trastevere, macht der Fluss eine Biegung und sein Bett verbreitert sich. Hier, durch zwei antike römische Brücken mit der Stadt verbunden, erhebt sich die Tiberinsel, eine bootsförmige Insel, die einst auf Latein Insula Inter Duos Pontes hieß, „Insel zwischen zwei Brücken“. Die Insel hat tatsächlich die Form eines Schiffes und ist 270 Meter lang und 67 Meter breit.

Wie jeder Ort in Rom blickt auch dieser auf eine lange, glorreiche Vergangenheit zurück, deren Ursprung sogar von Geheimnissen umrankt ist. Einigen Überlieferungen zufolge warf das Volk um 500 v. Chr., während eines Aufstands gegen den verhassten Tyrannen Tarquinio il Superbo, Getreidegarben vom Land des Tyrannen in den Fluss, wodurch die Insel entstanden sein soll. Archäologische Funde deuten allerdings darauf hin, dass die Insel weit älter ist. Bei jüngsten Ausgrabungen unter dem Flussbett haben Forscher dennoch fossilisierte Weizenkörner entdeckt.·
Ist die Schiffsform reiner Zufall? Nicht wirklich. Die natürliche Insel wurde im ersten Jahrhundert v. Chr. von den Römern stark umgestaltet, die ihre Form mithilfe der als opus quadratum bekannten Bautechnik veränderten, bei der Mauern und andere architektonische Elemente aus rechteckigen Steinquadern errichtet wurden. Zusätzlich legten sie eine Travertin-Uferbefestigung um die Insel an, die ihr die Silhouette eines römischen Schiffes mit Bug und Heck an jedem Ende verlieh. Um diese ambitionierte „Schönheitskur“ zu vollenden, stellten sie in der Mitte der Insel einen symbolischen Mast auf.···
Dieser Mast war in Wirklichkeit ein Obelisk, der Äskulap, dem Gott der Heilkunst, geweiht war. Doch warum wurde ausgerechnet diese Gottheit auf der Insel verehrt? Dafür müssen wir ins dritte Jahrhundert v. Chr. zurückblicken, als eine schreckliche Pest Rom erfasste. Um einen Weg zur Heilung der Bevölkerung zu finden, befragte der Senat die Sibyllinischen Bücher, eine Sammlung detaillierter Prophezeiungen und Orakelsprüche. Der Weisung der Orakel folgend, beschloss der Senat, Äskulap einen Tempel zu errichten. Als Standort wählte man die Tiberinsel, gerade wegen ihrer Abgeschiedenheit vom Rest der Stadt. Und offenbar wirkte es: Kurz nachdem der Tempel errichtet war, endete die Pest.··
Vom Tempel des Äskulap ist heute nichts mehr erhalten. Im Jahr 998 n. Chr. wurde über den Ruinen eine Basilika errichtet, die heute unter dem Namen San Bartolomeo bekannt ist. In Auftrag gegeben wurde sie um das Jahr 1000 n. Chr. von Kaiser Otto III. zu Ehren des Märtyrers Adalbert von Prag. Heute präsentiert sie sich vollständig im barocken Stil restauriert.
Unter den zahlreichen Kunstschätzen können Sie hier auch ein Bild der Madonna della Lampada aus der Zeit um 1250 bewundern. Bei einer der vielen Flusshochwasser stand das Bild unter Wasser, doch eine daneben hängende Lampe blieb angezündet, bis der Tiber schließlich wieder in sein Bett zurückkehrte.
Machen Sie sich zudem auf den Weg zur Sakramentskapelle, wo Sie auf ein kurioses Relikt aus Kriegszeiten stoßen: Während der Belagerung Roms 1849, im Zuge der italienischen Unabhängigkeitskriege, durchschlug eine Kanonenkugel der französischen Armee die Kirchenmauer und landete in der Kapelle. Die Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Kirche befanden, blieben wie durch ein Wunder unverletzt. Die Kanonenkugel steckt dort noch heute.··
Bis heute lebt das Thema der „Heilung“ auf der Insel weiter: 1584 errichteten die Anhänger des heiligen Johannes von Gott im westlichen Teil der Insel ein Krankenhaus. Das Gebäude dient noch immer als öffentliches Krankenhaus, verwaltet von der Stadtverwaltung und der katholischen Kirche. Bei jüngsten archäologischen Grabungen im Zuge der Renovierung eines Teils des Kellergeschosses kamen Statuen und Überreste antiker Heiligtümer zum Vorschein.
Was aber geschah mit dem Obelisken, der einst in der Mitte der Insel stand? Um 1500, nach rund 16 Jahrhunderten „im Dienst“, wurde er abgebaut und in drei Teile zerlegt. Diese Fragmente werden heute in drei verschiedenen Museen aufbewahrt: in Neapel, Paris und Monaco.
Kurz darauf stellten die Römer an derselben Stelle eine kannelierte Marmorsäule auf, die eine höchst eigentümliche Geschichte erzählt. Sie war als „colonna infame“ (Säule der Schande) bekannt, und das aus gutem Grund: Jedes Jahr, während der Osterfeierlichkeiten, ließen die Kirchenoberen die Namen jener Straftäter und Gesetzlosen auf der Säule anbringen, die weder die Kommunion empfangen noch an der Messe teilgenommen hatten. Ihr Verhalten galt als unvereinbar mit dem christlichen Geist, und für die Betroffenen bedeutete dies ein schweres Stigma.
Auch der bekannte Trastevere-Künstler Bartolomeo Pinelli, berüchtigt für seinen ausschweifenden Lebensstil, landete einmal auf dieser Liste. Empört eilte er daraufhin in die Sakristei der Kirche, doch keineswegs, weil ihn die Nennung unter den Ungläubigen störte, sondern weil man ihn dort als „Miniaturmaler“ und nicht als „Kupferstecher“ bezeichnet hatte! Hinzu kam sein langer Bart, ein Zeichen dafür, dass er mit den Jakobinern sympathisierte, die sich vehement gegen den Papst und die Politik der katholischen Kirche stellten.
Um 1850 stieß ein vorbeifahrender Wagen gegen die Säule und zerstörte sie, ob absichtlich oder aus Versehen, bleibt ungeklärt. Fest steht jedoch, dass die Säule beim Volk ohnehin nicht besonders beliebt war. Papst Pius IX. beauftragte daraufhin den Bildhauer Ignazio Jacometti mit einem neuen Denkmal, das noch heute dort steht. Die heutige Säule trägt an ihrer Spitze ein Kreuz, an ihrem Sockel schuf Jacometti Reliefs von San Bartolomeo, dem heiligen Franz von Assisi, dem heiligen Paulinus von Nola und dem heiligen Johannes von Gott.

Der Legende zufolge beauftragte der Papst gleich vier Architekten, als die kürzere der beiden Brücken, die Ponte Fabricio auf der Seite des Ghettos und der Großen Synagoge, um 1580 teilweise restauriert wurde. Die vier gerieten jedoch so heftig in Streit, dass sie wegen der belanglosesten Dinge sogar handgreiflich wurden.
Zur Strafe verurteilte der Vatikan sie nach Abschluss der Arbeiten genau an dieser Stelle zum Tod durch Enthauptung. Um ihre Arbeit trotzdem zu würdigen (aber wohl vor allem, um die Bevölkerung eindrücklich zu warnen), ließ der Papst ein kleines Denkmal errichten, das noch heute auf der Brücke steht und vier Köpfe zeigt. Da es davon jedoch zwei Exemplare auf der Brücke gibt, also insgesamt acht Köpfe, wirft dies die Legende selbst etwas ins Zweifelhafte.
Die beiden Brücken, die die Insel mit der Stadt verbinden, heißen Ponte Cestio und Ponte Fabricio. Der Ponte Cestio, der nach Trastevere am rechten Flussufer führt, wurde ursprünglich 46 v. Chr. vom Senator Lucio Sestio erbaut. Nur wenige Originalteile sind erhalten geblieben, größtenteils wiederverwendetes Material aus den zahlreichen Restaurierungen über die Jahrhunderte. Die letzte Renovierung stammt aus dem Jahr 1892.·
Wer aber wirklich das Genie der antiken römischen Baumeister spüren möchte, sollte über die Ponte Fabricio am anderen Ende der Insel spazieren. Dank ihres bemerkenswert guten Erhaltungszustands gilt sie als die älteste Brücke Roms. Erbaut wurde sie ursprünglich 62 v. Chr. von Lucio Fabricio, der ein hohes Amt in der römischen Verwaltung bekleidete. Im siebzehnten Jahrhundert wurde sie teilweise restauriert. Sie verbindet die Insel mit dem linken Flussufer, in Richtung Ghetto und Kapitol.
Die dritte Brücke, die man von der Insel aus sieht, ist die Ponte Garibaldi, die die Insel aber nur an einem äußeren Ende berührt, da ihr zentraler Stützpfeiler dort ansetzt. Es handelt sich um einen vergleichsweise modernen Bau aus dem neunzehnten Jahrhundert, der in den fünfziger Jahren vollständig erneuert wurde. Benannt ist sie nach Giuseppe Garibaldi, dem Patrioten und wichtigsten militärischen Anführer der italienischen Einigung.··


Eines habe ich bei meinen Spaziergängen durch Rom gelernt: Man muss sich Zeit nehmen, um die Landschaft und jeden besonderen Ort und jede Ecke wirklich zu genießen. Wer eine der Brücken über den Fluss überquert, dem eröffnen sich einige der schönsten Ausblicke Roms, perfekt für postkartenreife Fotos, besonders bei Sonnenuntergang, wenn die Stadt sich in Licht taucht und der Himmel noch von träumerischen Orange- und Rosatönen durchzogen ist.
Der Tiber wird gemeinhin als „biondo Tevere“, der „blonde Tiber“, bezeichnet, denn seit der Antike vermischt die Strömung das Wasser mit dem sandigen Flussbett und verleiht ihm so seine charakteristische Färbung. Der Fluss teilt Rom in zwei Hälften, und wer hierher kommt, wird sich schnell dabei wiederfinden, ihn immer wieder über eine der zahlreichen Brücken entlang seiner Ufer zu überqueren. Über die Jahrhunderte dienten diese Brücken nicht nur der Verbindung beider Stadtteile, sondern in Kriegszeiten auch als Verteidigungsbollwerk. Die älteste je erbaute Brücke ist die Ponte Milvio, deren ursprüngliche Konstruktion auf das Jahr 400 v. Chr. zurückgeht, während die modernste, ein ambitionierter Bau aus Stahl und Stahlbeton namens Ponte della Musica, 2011 fertiggestellt wurde.
So heißt das Festival, das jeden Sommer von Juli bis September die besten Filme, Neuerscheinungen und Autorenkino an die malerischen Ufer der Insel bringt. In dieser Zeit verwandelt sich die Insel in einen Treffpunkt für Filmliebhaber und Branchenprofis wie Regisseure und Schauspieler.
Direkt auf der Insel, in der kleinen Via Ponte Quattro Capi 16 gleich bei der Ponte Fabricio, erwartet Sie eines der besten Ziele für ein köstliches Essen: das Restaurant Sora Lella, das 1940 eröffnet wurde und authentische, ursprüngliche römische Küche serviert.
Die ursprüngliche Inhaberin, Elena Fabrizi, genannt „Lella“, war Köchin und Schauspielerin, bekannt für ihre Rollen und komische Auftritte bis in die 1980er Jahre hinein. Sie war die Schwester eines der berühmtesten italienischen Schauspieler, Aldo Fabrizi. Als solche Ikone wurde sie zum Sinnbild eines ganz bestimmten römischen Lebensgefühls, geprägt von berühmten Filmregisseuren, gemütlichen Trattorien, Charme und Carbonara, Filmsets und den zauberhaften Sonnenuntergängen am Flussufer. Heute wird das Restaurant von ihrem Sohn geführt.
Die Kirche San Bartolomeo befindet sich auf der Tiberinsel. Sie können auch über eine der ältesten Brücken Roms laufen.
Sie können von Trastevere oder von der anderen Seite (dem Ghetto) anreisen. Die Buslinien, mit denen man hierher kommt, sind die Nummern 8, 23, 63 und 280.
Nein, der Besuch der Tiberinsel kostet kein Geld.
Das Filmfestival (Isola del Cinema) findet normalerweise von Anfang Juni bis Mitte September statt.
Nein, es gibt eine weitere Insel in der Nähe der Stadt Fiumicino, in der Nähe der Flussmündung, genannt Isola Sacra.
Die gesamte Nachbarschaft Roms umfasst insgesamt 18 Bezirke. Das historische Zentrum, welches nur etwa vier Prozent der Fläche der gesamten Stadt ausmacht.
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